Selbstorganisation von unten als neuer alter Weg

CrowdWie Crowdfunding die Gesellschaft verändern könnte und  was Unternehmen davon haben

Die Globalisierungskritik nimmt derzeit wieder Fahrt auf – die Diskussion ist längst in den etablierten Medien angekommen. Der aktuelle SPIEGEL fragt, ob die Globalisierung gescheitert ist (2/2016) und die Schweizer Sonntagszeitung erklärt die lokale Selbstorganisation als neuen alten Weg zur gemeinschaftlichen Kooperation. Es scheint, als würden wir uns als Gegenprinzip zur globalisierten Welt zurück zur lokalen Gemeinschaft bewegen. Für mich ist klar: Hier geht es auch um lokales Crowdfunding! Oder doch nicht?

Nicht ganz. Die Sonntagszeitung beschreibt das (schweizerische) Beispiel der „Allmend“: gemeinschaftlich bewirtschaftete Felder, Weiden und Wälder. Hier wird nach bestimmten Regeln verfahren, die nicht nur die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft definieren, sondern auch Konflikte lösen. Wer in die Geschichtsbücher blickt, weiß, dass dies kein neues Prinzip ist. Aber ein Prinzip, das seit dem Ende des 2. Weltkriegs und speziell ab den 1970er Jahren in Vergessenheit geriet und durch ein kapitalistisches Denken ersetzt wurde, das zusätzlich mit dem Ruf nach Regulierung durch staatliche Organisationen einherging.

Meines Erachtens treffen in dieser Diskussion zwei Gedanken aufeinander: Der erste ist die Überlegung, ob der reine Kapitalismus vielleicht doch nicht zum wahren und alleingültigen Glück führt. Und der zweite, dass gemeinschaftliche Selbsthilfe im Kleinen, Lokalen die Menschheit weiter bringt als die weltumspannende Vernetzung. Hier kommt nun also die Partizipation der Bürger ins Spiel.

Partizipation bedeutet Teilhabe – Teilhabe im Sinne des Mit-Verantwortlich-Seins. Verantwortlich für Gelingen und Misslingen einer Unternehmung oder des Zusammenlebens. Mit (Wieder-)Einführung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe übernehmen Bürger also die Verantwortung für ihr Handeln. Damit machen sie sich gleichzeitig in vielen Dingen unabhängig von staatlichen Strukturen.

Lokales Crowdfunding: neue Form der „Allmend“!?

Ähnlich funktionieren auch die Crowdfundingplattformen im Internet: Geografisch „lokal“ bedeutet hier „auf eine bestimmte Plattform“ bezogen. Die Crowd, die Projekte auf dieser Plattform unterstützt, ist die Gemeinde, also die Gruppe, die sich um die Allmend kümmert. Die Unterstützung der Crowd ist somit eine demokratische Entscheidung über den Erfolg eines Projektes. Hält die Crowd das Projekt für sinnvoll, wird sie es fördern. Lehnt die Crowd es ab, hat es entweder nicht durch seine Idee überzeugt oder – und das ist der andere Aspekt des Crowdfundings – sein Marketing war noch nicht gut genug. Das Stichwort „Partizipation“ der User (aus Sicht der Crowdfundingplattformen) oder Bürger (aus Sicht der kommunalen Gemeinschaft) erhält hier eine elementare Bedeutung.

Eine Weiterentwicklung dieser Form von digitaler Partizipation sind die lokalen Crowdfundingplattformen. Hier verbindet sich die digitale „Lokalität“ mit der analogen, wahrhaftigen. Sie bieten Projekten die Möglichkeit, sich Unterstützer aus der geografischen Nähe zu holen, weil sie in der geografischen Nähe die Welt verändern.

Erkennen Städte und Regionen den Nutzen dieser digitalen Angebote, erhalten sie einen nicht zu unterschätzenden Unterstützer, um sich selbst lebenswerter und zukunftsfähig zu machen und das mit Hilfe ihrer eigenen Bürger! Ohne große Bevölkerungsumfragen, langwierige Planfeststellungsverfahren oder Ausschreibungsformalitäten. Aber mit einer großen Portion Enthusiasmus und echtem Engagement durch die Projektinitiatoren.

Unternehmen und die Schwarmintelligenz der Crowd

Doch nicht nur für Städte und Regionen entstehen hier ungeahnte Potentiale. Auch für Unternehmen, und dazu zähle ich auch die Banken, eröffnen sich hier gänzlich neue Möglichkeiten des gesellschaftlichen Engagements in Verbindung mit einer positiven Wirkung auf das eigene Image und somit auf den Profit. Unterstützt die Crowd ein Projekt, so kann man davon ausgehen, dass die Schwarmintelligenz entschieden hat, dieses Projekt wird einen positiven Nutzen bringen.

Wieso sollte man als Unternehmen auf dieses Schwarmwissen verzichten? Generationen von Trendscouts und Denkfabriken haben versucht, und versuchen es immer noch, heraus zu finden, was die Trends der Zukunft sind, wo die echten Profite liegen und wie die Gewinne maximiert werden können. Dabei haben sie vergessen, dass die Wirtschaft immer noch für den Menschen da ist und nicht umgekehrt.

Jetzt ist die Chance, sich dem Wissen und den Bedürfnissen der Gesellschaft zuzuwenden und ihrer Schwarmintelligenz zu folgen. Sich als Unternehmen lokal zu engagieren lohnt sich nicht nur für kleine und mittelständische Unternehmen, sondern auch für die sogenannten Global Player.

Unternehmen und die Schwarmintelligenz ihrer Mitarbeiter

Die hier beschriebenen Vorteile der Crowd-Entscheidung lassen sich übrigens auch auf die Mitarbeiter eines Unternehmens übertragen. Alleinentscheidungen in den höchsten Führungsebenen können durchaus zu Fehlentscheidungen führen, die die gesamte Firma bedrohen. (Ich sehe hier von der Auflistung aktueller Beispiele ab.)

Könnte hier eine Partizipation der Belegschaft die richtige Entscheidung bringen? Sich der Schwarmintelligenz seiner Mitarbeiter hinzugeben erfordert Mut. Nämlich den Mut, sich der Kritik seiner Leute zu stellen. Das kann wehtun! Aber dieser Mut wird belohnt und zwar mit dem Zuspruch der Mitarbeiter und einer stabilen Zukunft für das Unternehmen.

Hinterlassen Sie ein Kommentar

  • (wird nicht veröffentlicht)