Die neuen Ökos – eine Bewunderung

KräftedreeickIch bin ein Kind der 80er und frühen 90er (Jahrgang 1974) und erinnere mich gut an die damaligen „Ökos“. Das waren diese langhaarigen Typen, die im Deutsch-LK an ihren Pullovern strickten (ja, sogar die Jungs!), Müsli aßen und jeden verurteilten, der nicht gegen Wackersdorf war. Voller Ehrfurcht bin ich als frischgebackene Gymnasiastin in der fünften Klasse morgens an wild diskutierenden und Roth-Händle-rauchenden Weltrettern vorbei ins Schulgebäude gegangen.

Ich weiß noch, wie eines Tages an der glatten Betonwand der Schule ein Graffiti erschien: „WAA – nie!“. Dieser Schriftzug war auch neun Jahre später, beim Abitur, noch zu lesen – verblasst aber da. Irgendwie waren wir alle ein bisschen stolz darauf.

Damals und auch heute im Rückblick schienen mir diese alten Ökos aber irgendwie ganz schön militant. Andere Meinungen schienen nicht zu gelten. Wobei mir damals nicht klar war, dass die konservative und etablierte Gesellschaft genauso war – nur eben in die andere Richtung.

Neue Ökos

Seit einiger Zeit beobachte ich, wie sich eine neue Bewegung entwickelt, die ich die „neuen Ökos“ nennen. Es ist nicht wirklich der passende Begriff aber bisher ist mir kein besserer eingefallen. Wenn Sie einen besseren haben, sagen Sie es mir – ich freue mich drauf.

Durch meine Arbeit bin ich in München in diese alternative Szene eingetaucht und wurde überwältigt davon, was für Energien hier frei werden. Diese neuen Ökos sind nicht militant sondern pragmatisch. Sie wollen die Welt retten aber ohne Dir dabei die Pistole auf die Brust zu setzen. Kooperation und Vernetzung sind die Stichworte, die ihre Arbeit begleiten. Egal, ob es um ökologische Probleme, soziale Themen, alternative Wohnkonzepte oder gemeinsame Ideenentwicklung geht: Ich habe nie das Gefühl, dass hier dieser militante Geist der 80er herrscht. Vielmehr werden die Macher von der inneren Überzeugung des „leben-und-leben-Lassens“ motiviert. Man tauscht sich aus, man trifft sich, man berät sich und man sieht einen Nutzen darin, Grenzen ineinander fließen zu lassen.

Professionell nicht stümperhaft

Und was ich ebenfalls beobachte ist eine große Professionalität. Die neuen Ökos (ich übrigens auch) wurden geprägt durch Schule, Ausbildung und Universitäten, wo immerwährender Wachstum, Globalisierung und Professionalität gepredigt wurden.

Immerwährendes Wachstum haben sie hinter sich gelassen. Die Globalisierung haben sie verändert, indem sie ihre Kommunikation per Internet weltumspannend betreiben und sich so vernetzen aber gleichzeitig lokal handeln. Aber die Professionalität haben sie verinnerlicht und setzten sie in ihren Projekten um.

Zukunft der Weltveränderung

Und genau das ist etwas, was ich bewundere und mit Freude sehe. Denn wenn ich die Welt verändern möchte, kann ich es tun, indem ich gegen das System arbeite. Oder ich nutze bestimmte Erkenntnisse und Errungenschaften des bestehenden Systems für meine Zwecke und löse die Dinge dann pragmatisch.

Große Chance mit Berührungsängsten

Doch auch wenn diese neuen Ökos sehr professionell sind und ihre Ideen pragmatisch umsetzen, gibt es immer noch eine Schwelle, die zu überschreiten sie sich nicht ganz trauen: Die Kooperation mit Unternehmen. Und zwar mit Unternehmen, die zunächst einmal Profit generieren wollen – und müssen. Doch genau hier sehe ich große Chancen, diese neue, alternative Bewegung voran zu bringen.

Im Zuge der allgemeinen Diskussion um verantwortungsvolle Unternehmensführung und CSR haben sich die Erwartungen von Verbrauchern und Mitarbeitern dahingehend entwickelt, dass Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen müssen, wenn sie zukunftsfähig bleiben wollen.

Warum sollte man hier nicht die Chance nutzen und mit den oben beschriebenen Initiativen kooperieren? Viele von ihnen arbeiten schon lange an Lösungen gesellschaftlicher Probleme. Als Unternehmen muss ich keine neuen Lösungen entwickeln, sondern kann die bestehenden Lösungen unterstützen und helfen, sie weiter auszurollen und zu verbessern.

Kooperation zwischen Wirtschaft, „neuen Ökos“ und Zivilgesellschaft

Hier gilt es also die Ängste auf beiden Seiten zu überwinden. Die Ängste liegen bei den neuen Ökos darin, dass sie sich verkaufen und abhängig machen würden obwohl sie neutral bleiben möchten. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen ist folglich negativ behaftet.

Die Unternehmen wiederum erwarten häufig, dass eine Organisation oder Initiative genauso agiert, wie ein Wirtschaftsunternehmen, das Gewinne machen muss, um weiter existieren zu können. Einschließlich klassischer Kommunikations- und QM-Prozesse. In ihren Augen sind Initiativen häufig unprofessionell und wirkungslos.

Wie kann man dieses Dilemma nun lösen?

Zunächst müssen beide Seiten ihre Erwartungshaltung thematisieren. So können die Beteiligten für Verständnis bei der anderen Seite werben. Was aber die Wahrung der Neutralität angeht, gibt es verschiedene Lösungsmodelle.

Ein Lösungsmodell kann sein, dass sich mehrere Initiativen mit mehreren Unternehmen zusammenschließen. Und sie sich zusätzlich ein Kontrollgremium in Form einer unabhängigen Gruppe ins Boot holen. Eine Gruppe, die nicht organisiert ist, sondern lediglich an beiden Seiten interessiert ist und gleichzeitig beiden Seiten neutral gegenüber steht. In der CSR nennt man diese Gruppe Stakeholder, beim Crowdfunding heißt sie Crowd.

Lösungsmodell: Kräftedreieck

Kombiniert man also die Crowd mit Unternehmern und Initiativen, kann eine fruchtbare, Zusammenarbeit entstehen – auf einer demokratischen Grundlage. Man kann die Crowd dazu einsetzen, demokratisch darüber zu entscheiden, ob ein gemeinsames Projekt umgesetzt wird. Es geht hier nicht zwingend darum, Geld zu sammeln, was die Hauptidee von Crowdfunding ist, sondern vielmehr darum, ein Stimmungsbild abzufragen und zu begreifen, wie die Crowd – also das neutrale Entscheidungsgremium – über die Sache denkt. Und die Crowd dazu zu bringen, ihre Ideen und Erwartungen in den Prozess mit einzubringen.

Ich sehe hier ein Kräftedreieck aus Unternehmen, Initiativen (=neue Ökos) und Crowd. Idealerweise wird es durch eine vierte Gruppe ergänzt: Die Kommune bzw. den Staat. Denn viele Projekte und Initiativen widmen sich Themen und Aufgaben, die ursprünglich beim Staat liegen. Gerade im lokalen Bereich haben sich bereits erste Initiativen aus Kräftedreieck und Kräfteviereck entwickelt, die an Lösungen für die Gesellschaft arbeiten.

Für Unternehmen ist dies CSR, für die neuen Ökos ist es die Weltverbesserung, für die Crowd ist es die Chance, sich aktiv in Veränderungen einzubringen und für Städte und Regionen ist eine Möglichkeit, Demokratie in ihr Wirken zu tragen.

Dann machen wir es doch einfach so!

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